Tantra als Weg zu und als höheres Ziel für funktionierende(r) Sexualität!


Michaela Faridéhs Beitrag zum Thema „Wenn „es“ nicht funktioniert. Wie unterstützt Tantra erfüllende Sexualität.“ im TantraNetz online-Magazin / September 2020: „Tantra als Weg zu und als höheres Ziel für funktionierende(r) Sexualität!“

Brüderchen komm tanz mit mir, beide Hände reich ich Dir

Wie beruhigend, wenn ich lese, dass der Autorenaufruf nach dem Wie fragt, nicht nach dem Ob – so sparen wir uns wenigstens die Diskussion, ob denn Tantra die Sexualität überhaupt unterstützt, oder ob es diese nicht auch entlarvt, verfremdet, entmenschlicht oder ausnutzt.

Ich gehe also beginnend davon aus, dass Tantra und erfüllende Sexualität sich hilfreich zur Seite stehen – ich behaupte das beruht sogar auf Gegenseitigkeit. Aber unterstützt Tantra das Sexuelle auch dann, wenn „es“ – wie der Titel sagt – einfach noch nicht funktioniert?

Was habe ich davon tantrische Rituale zu zelebrieren, wenn es momentan halt noch gar nicht klappt mit dem Gefühl, der Freude, der Lust, dem Liebesspiel, der Vereinigung! Nix? Doch! 

Es nutzt zum Verschlimmbessern, zur Ablenkung vom eigentlichen Thema, zu Frust holen, zum Ärgern, zum Kleinfühlen reicht es allemal und das ist ein guter Anfang, um irgendwann inmitten von Verstrickung und Ratlosigkeit aufzugeben, um nochmal neu mit Allem zu beginnen, Bereitschaft zu entwickeln zur Blamage, zur Verzweiflung, zur Übung und zu echtem sexuellem Wachstum – zum Echtsein!

Dann wohnt dem der nötige Zauber inne, wenn ich weiß, dass ich nichts weiß und kann und mich dem hingebe was mit mir passieren möchte – allerdings oft erst am Ende eines langen Tunnels. Also zurück auf „Los“ mit dem Tantra.

Einmal hin – einmal her – rundherum das ist (nicht) schwer 

Bereits funktionierende, erfüllende Sexualität profitiert natürlich von Tantra bezüglich ungehemmter, tabuloser Offenherzigkeit, luststeigernder Technik wie Atmung und Muskelbeherrschung und natürlich der unvermeidbaren Verbindung zum Spirituellen, aber braucht sie das denn?

Ist Erfüllung sich nicht schon selbst genug, schon angekommen und fragt nicht weiter? Kommt jemand, der bereits sexuell erfüllt ist und bei dem es zufriedenstellend flutscht zum Tantra? Kommen nicht doch eher diejenigen, die eben noch unerfüllt sind und keinen zündenden Schimmer haben was möglich ist, um durch Tantra zu lernen wie es gehen könnte am Ende hoffentlich erfüllt zu sein?

So ist es!

Da sitzen Shiva-unerigiert und Shakti-frigide nun gegenüber. Hölzern, verzagt, um Fassung bemüht. Keine Spur vom gepriesener Ekstase und wonniger Verschmelzung. Es funktioniert nicht von alleine…und kann sich auf Gegenseitigkeit auch keine Hilfe sein.

Der ungeübte Körper und der verklemmte Geist wollen noch nicht gehorchen. Das haben sich die beiden Lustsucher irgendwie anders vorgestellt. Natürlich. Lustvoll. Leicht. Erhebend. Finden sie im Tantra das, was sie sich erhoffen?

Ja und Nein. Sie werden das suchen und erlangen was sie schon bereit sind zu finden. Der eine Zerstreuung und Alltagspause bei der Tantramassage, der Andere nackt zelebrierte Spiritualität und Chakrenarbeit, mit oder ohne Sexzentrum.

Der Nächste läßt endlich eine Altlast gehen und es ist schon mehr als er erhoffte. Wieviele aber kommen wirklich so weit, dass es von allen Seiten betrachtet „Tantra“ ist, was da die Sexualität erfüllt und nicht etwas, das bei anderen Therapie-, Freizeit- und Lusteinrichtungen nicht genauso gut unterstützend erworben und genutzt werden kann?

Ei das hast Du gut gemacht

Modernes Tantra und all die angehängten Vergnügungen oder Therapien bieten mittlerweile ein so breites Spektrum, dass jeder etwas finden kann, das er bereit ist (gut) zu finden, allerdings auch ohne dafür grandios über sich hinauswachsen zu müssen oder programmmäßig seine Grenzen zu erweitern. Genau das ist aber der springende Punkt.

Tantra erwartet von seinen echten Fans, dass sie das tun, wenn sich was tun soll. Gewohntes hinterfragen, Tabus brechen, sein Innerstes nach außen kehren, ins kalte Wasser springen, Verantwortung übernehmen und immer wieder alles, alles, alles anerkennen was da ist, Widerstände loslassen, in Kontakt mit Ekel, Scham, Schuld, Wut und Trauer, bereit zur Liebe und Selbstliebe, lernwillig und hartnäckig, großzügig und feinsinnig, brutal ehrlich und ein Gebet auf den Lippen mitten in der selbstkreierten Scheisse.

Ups. Ach … so dringend ist die sexuelle Entwicklung dann lieber doch nicht? Zuviel des Guten? Nicht schlimm!

Man kann das anpassen, jeden seine Schritte selbst wählen lassen. Es ist genug im Angebot – suche aus was beliebt!

Es gibt unhinterfragten Räucherstäbchengruppensex ebenso wie sehr ernsthafte Unterstützungen in Richtung Aufarbeitung von Missbrauch oder Erziehungspannen. Die Auswahl ist groß und die Lehrer erstaunlich uneinig, obwohl doch alle aus dem gleichen Gewebe, das nach Einheit strebt.

Wer sich anstrengen und erweitern will, der kann.

Wer seine Sexualität spiritueller machen mag, der soll.

Wer nur konsumiert, der darf.

Keines davon ist ein Garant für Hilfe in die „erfüllende“ Sexualität und darüber hinaus. Dies gelingt nur dann, wenn schon die dahinterstehende Intention „erfüllt“ ist und bereit, Ego, Aussenwirkung und Erfolgszwang hinten anzustellen. Aber von was erfüllt Bitteschön?

Was muss ich erfüllen und darf mich erfüllen, damit ich zu den erfüllenden Dingen durch Unterstützung in der Sexualität komme? Mein tantrischer Weg – mein Tun zum Sein kann das!

Noch einmal das schöne Spiel, weil es uns so gut gefiel

„Von nix kommt nix“ hätten frühere Generationen so gesagt. „Die Energie folgt der Aufmerksamkeit“ weiß der Selbsthilfebücherleser und Fan der Quantenphysik. „Wer heilt hat recht“ nennt es derjenige, der mit der Schulmedizin nicht weiterkam, wohl aber aus der Praxis zwischen Berührungsübungen und innerem Aufräumen etwas für sich mitnehmen konnte. Tantra taugt zum Kalenderspruch und auch zum erhobenen Zeigefinger.

Zusammenfassend muss sich der tantrischen Schüler also zum permanenten Üben aufraffen können, eigene positive Erlebnisse fördern und sich seiner aufzulösenden Altlasten erst einmal bewusst werden, um sie zustimmend wegzuschaffen, weil auch in sexueller Hinsicht der Meister nun mal nicht vom Himmel fällt. Es ist also Arbeit.

Manchmal nur ein Wimpernschlag der Bewusstheit, manchmal jahrelange Praxis, bis es soweit ist. Alles wird erst zum Zeitpunkt der nötigen Reife geschehen, nicht früher. Der heilige Geist alleine bring es nicht und auch nicht alleine die spirituelle Haltung. Der Körper als Tempel ist ein wunderbares Erfahrungsmedium. Unorganisch geht es aber nicht.

Reinstöhnen hilft schon, sich selbst was vormachen eher nicht. Wer verkrampft hat weniger davon, wer sich reinfreuen kann mehr. Wer bereit ist sich immer wieder zu motivieren und wem keine Übung zu lang und kein Rückschlag zu dumm ist, der kommt weit. Sehr weit. Mit Disziplin und Freiheit auch zum ersehnten sexuellen Genuss der funktioniert.

Mit Spirit, mit Körper, mit Gebet und mit einer enormen persönlichen Freiheit wo keine zwanghafte Vermeidungshaltung und keine Angst mehr verhindert was ein Geburtsrecht ist. Erfüllt, orgasmisch, orgiastisch und jauchzend mittendrin zu sein. Zuerst mit sich selbst, dann mit dem Gegenüber, am Ende mit allem was ist.

Ei das hätt ich nicht gedacht

Der Dranbleiber kommt dahin, wo das Tantra für ihn noch einmal neu beginnt. Nicht als moderne Therapie, sondern als alte Lehre. Dort wo Ritual und Gebet nach dem verlangen, das der Schüler sich bis dahin erarbeitet, befreit und geordnet hat oder als Naturtalent schon mitbringt.

Nutzbare, feurig-erdige  Energie. Herzensliebe unverfälscht und geöffnet. Einen freien Geist, der spirituell nicht verneint. Geist und Körper ritualfähig, bereit als Einheit der Lust zu dienen und sie als Geschenk für die Welt mitzunehmen ins universelle Gebet. Geübt lenkbar wie ein Achtspänner vor einer geschmeidigen Kutsche, geführt von einem freien Lenker geeint in Kraft und Spirit zum Anschieben eines Flusses des widerstandslosen Energieerlebnisses.

Bereit zur echten Vereinigung. Glückselig mit dem Leben verbunden.

Aufgelöst und angekommen im Moment der Lust.

Am Ende durchlässig für die Energie, die alle mitnimmt.

Ohne Angst vor dem Tod. Verbunden mit allem was ist.

Öm….

Kommt Dir nicht bekannt vor?

Ok.

Tantra ist da weder nachtragend noch macht es Ausschlüsse. Gehe noch nicht über Los und beginne einfach wieder von Vorne. Was?

Keine Lust mehr Dich anzustrengen? Schon genug erreicht? Auch recht!

Das private Sexleben profitiert allemal. Und erleuchteter Sex wird vielleicht überbewertet. Wer das weiß oder zu wissen glaubt?

Jeder, der Gründe findet nicht weiter gehen zu können. Wer es aber will, der kann weiter gehen – vielleicht bis dahin wo es funktioniert…